Antisemitismus und Rassismus? Nicht am RGD!


Im Jahr 2019 erhielt das Rechberg-Gymnasium unter Anleitung des damaligen Schülersprechers, Bircan Ergün, nach zahlreichen Aktionen das Siegel „Schule mit Courage, Schule ohne Rassismus“, wofür die CDU Abgeordnete, Nicole Razavi, als Patin gewonnen werden konnte. Nachdem bereits vor der Coronapandemie eine Ausstellung zum Thema „Flucht“ in der Schule durchgeführt wurde, im Rahmen derer die Schüler Gelegenheit hatten, sich direkt mit geflüchteten Personen auszutauschen, sollte nun am 1.10.2021 in der Stadthalle Donzdorf die nächste Veranstaltung gegen Rassismus und Antisemitismus stattfinden. Die Schulleitung sowie alle Schüler der Klassenstufen 10 und der beiden Kursstufen begrüßten herzlich den Beauftragten der Landesregierung gegen Antisemitismus, Herrn Dr. Michael Blume, welcher sich gerne für eine offene Gesprächsrunde nach Donzdorf begab.

Zunächst wurde die Veranstaltung durch den Schulleiter, Ralph Mülherr, eröffnet, der an zahlreiche Ausflüge ins ehemalige NS-Vernichtungslager Auschwitz erinnerte und berichtete, dass früher kaum jemand wusste, was Auschwitz überhaupt ist. Heute hingegen würde jeder sofort wissen, was sich hinter dem Begriff verbirgt. Der dringende Appell des Schulleiters ging dahin, dass man sich nicht einfach im Internet berieseln lassen solle, sondern aktiv etwas gegen den auch heute noch vorherrschenden Antisemitismus unternehmen müsse. Zudem berichtete der Schulleiter von einem Vandalismusvorfall, welcher sich an einem Wochenende direkt in unserer Schule abspielte. Unbekannte Personen hatten das Schild mit der Aufschrift „Schule mit Courage, Schule ohne Rassismus“ abgehängt und in den Mülleimer geworfen. Dies sei das beste Beispiel dafür, dass man sich gerade als große Schulgemeinschaft gegen solche Vorgehensweisen stellen müsse, um dem Siegel „neues Leben einzuhauchen“. Da es auch heute noch Menschen gibt, welche die in einer Demokratie hart erarbeiteten Werte der Freiheit mit Füßen treten, gehe Rassismus und Antisemitismus jeden etwas an. Des Weiteren solle mit zahlreichen Aktionen an der Schule gezeigt werden, dass das Siegel an unserem Portal sicher nicht zu Dekorationszwecken dort hängt, sondern gelebt wird.

Anschließend verdeutlichte auch Nicole Razavi, dass das Siegel ein öffentliches Statement zu einem friedlichen Umgang miteinander sei. Es impliziere nicht nur gezieltes Vermeiden von Rassismus und Antisemitismus, sondern auch einen gewissen Verhaltenskodex. Es gehe bei Weitem nicht nur um Ausschwitz, Judenvernichtung und andere Gräueltaten, welche die Schüler allenfalls noch aus den Geschichtsbüchern kennen. Im Gegenteil, es gehe um Respekt und Akzeptanz von anderen Menschen in unserem Alltag.

Herr Dr. Blume selbst sprach eindrucksvoll und mit anschaulichen Beispielen aus seinem Leben zu den Schülern, welche gespannt lauschten. So berichtete er zunächst von seinem Aufenthalt im Irak, bei welchem er sehr zu schätzen gelernt habe, wie man in Deutschland lebe und was es heißt, eine Heimat zu haben. Viele völlig unschuldige Frauen und Kinder wurden dort grundlos getötet, weil man ihnen unterstellte, Teil einer Verschwörung zu sein. In Wahrheit wollten die jungen Menschen dort einfach nur zur Schule gehen und eine Chance auf Bildung haben. Es wurde auch deutlich, dass unsere heutige Generation keine Schuld mehr am Antisemitismus der Dritten Reiches trägt, es aber sehr wohl in unserer Verantwortung liegt, heute aktiv für ein friedvolles Zusammenleben einzustehen. Dies sollte jedoch nicht in erster Linie für andere Menschen geschehen, sondern für jeden von uns selbst, da die Freiheit ein hart erarbeitetes Gut ist, für das es sich zu kämpfen immer lohnt. Im Folgenden erklärte Herr Dr. Blume, warum und wie gerade die Juden Opfer von Diskriminierung und Verfolgungen wurden. Im heutigen Israel entstand vor langer Zeit der Gedanke der Schule und Bildung für alle und auch das heutige Alphabet wurde eingeführt. Zuvor hatte nur die Obrigkeit das Privileg inne, das Lesen und Schreiben zu erlernen. Aus diesen Gründen waren die Juden sehr gebildet und hatten größeren Einfluss als es vielleicht andere Völker hatten, was zu Neid und Missgunst führte. In diesem Zusammenhang wurde auch der Unterschied zwischen Rassismus und Antisemitismus deutlich. Während beim Rassismus einzelne Personen oder Gruppen abgewertet werden, sei es im Antisemitismus so, dass die Juden erhöht werden und die Antisemiten sich unterlegen fühlen. So käme es zu absurden Verschwörungstheorien und letztlich wieder zu einer Abwertung der Juden. Anschließend teilte Herr Dr. Blume mit, dass er selbst mit einer aus der Türkei stammenden Frau verheiratet sei, was die Glaubwürdigkeit seines Amtes noch unterstreiche. Er betonte dabei, dass es immer auf den Charakter von Menschen ankommt und nicht auf die Hautfarbe oder die Religion. Was ohne Zuwanderung passiert, könne man derzeit in England sehen, wo aufgrund des Brexits nicht einmal mehr genug Benzin vorhanden sei. Zudem stehe die Welt vor großen Herausforderungen wie dem Klimawandel, dem man nur als Gemeinschaft beikommen könne und sicher nicht mit Hass.

Im Anschluss daran legten auch die Schülersprecherin, Victoria Straubmüller, und der Verbindungslehrer, Ricardo Taut, ihre Sicht der Dinge dar. Es wurde deutlich, dass bei schlimmen Taten wie beispielsweise dem Amoklauf in einer Synagoge in Halle eine einzige Person genügt, um großen Schaden anzurichten. Darum reiche es nicht, wenn man einfach nur „kein Rassist“ sei, sondern man stehe in der Pflicht aktiv gegen Rassismus und Antisemitismus vorzugehen. Dies beginne schon in kleinem Rahmen auf der Fahrt zur Schule, dem Pausenhof oder im Klassenzimmer. Eine Lösung sei vor allem das Fördern gemeinsamer Aktivitäten, um aufzuklären, dass Diversität nicht schlecht, sondern durchaus positiv sein kann. Aus diesem Grund plant die SMV des RGD auch die Veröffentlichung einer kleinen Zeitschrift zu diesem Themenkomplex. Nur was man kennt, schützt man. Darum müsse der Fokus unbedingt auf Bekanntmachen und Aufklären liegen, anstatt im Aufzeigen von Unterschieden.
In der folgenden Stunde hatten alle Anwesenden die Möglichkeit, Fragen zu stellen oder von eigenen Erfahrungen zu berichten. Mutig trauten sich viele Schüler und Schülerinnen aufzustehen, zu den aufgestellten Mikrofonen zu gehen und in der Stadthalle das Wort zu ergreifen. Unterschiedliche Fragen kamen auf und eine spannende Gesprächsrunde begann. Es ging um Fragen nach „schwarzem Humor“ und wie man damit umgehen solle. Es wurde erörtert, wo die Grenze zwischen einer Meinung und Rassismus liege. Zudem wurde nach den Motiven von Amokläufern gefragt und was man gegen die Hetze im Netz unternehmen könne. Der Rapper Kollegah wurde angesprochen und damit verbunden wurde die Macht der Musik diskutiert, welche nicht immer nur positive Effekte auf die Menschen haben kann. In diesem Rahmen kam auch die Frage auf, ob bekannte Vertreter von Verschwörungstheorien wie Xavier Naidoo, Attila Hildmann oder Michael Wendler wirklich selbst glauben, was sie sagen oder ob es sich auch um eine Masche handeln könnte, um Massen zu beeinflussen und damit Geld zu verdienen. An diese Diskussion anschließend wurde die Stellung der modernen Medien kontrovers diskutiert. Herr Blume wurde in diesem Zusammenhang auch gefragt, wie es mit Anfeindungen gegen ihn selbst aussehe. Gerne gab der Antisemitismusbeauftrage auch darauf eine Antwort und berichtete von anonymen Anrufern in seinem Büro und Drohungen gegen ihn und seine Familie. Gezielt wurde auch nach Strategien gefragt, welche man anwenden kann, sofern man eine Situation beobachtet, in der es zu Diskriminierung oder zu Gewalt kommt.

Gegen Ende der interessanten Diskussion kam die Frage des Schulleiters nach der Hausaufgabe für unsere Schule auf. Herr Blume schloss die Veranstaltung mit den Worten, dass wir bereits viel getan hätten und letztlich immer Bildung und Kennenlernen von Diversität der Schlüssel gegen Hass sei. Nach den langen Einschränkungen durch die Coronazeit würde er keine direkte Hausaufgabe erteilen, sondern eher den Fokus auf gemeinsame Aktionen legen, durch welche die Gemeinschaft trotz oder gerade wegen all ihrer Facetten gefeiert werden kann.

(Carolin Lange)